Power of Soul
Praxis für Körper, Geist & Seele


Zwei Menschen sitzen bei Sonnenaufgang gemeinsam auf einer Bank am Meer. Manchmal beginnt Hilfe mit einem offenen Gespräch.


Hinschauen, ansprechen, dableiben

Gedanken zum Welttag der Suizidprävention

Jedes Jahr am 10. September macht der Welttag der Suizidprävention auf ein Thema aufmerksam, über das noch immer zu selten gesprochen wird. Suizidgedanken sind häufig mit Scham, Angst und dem Gefühl verbunden, anderen zur Last zu fallen. Viele betroffene Menschen ziehen sich zurück oder versuchen lange, ihre Not vor ihrem Umfeld zu verbergen.
Gerade deshalb ist es wichtig, seelische Krisen wahrzunehmen und ihnen mit Offenheit zu begegnen.

Suizidalität ist ein komplexes Geschehen

Suizidgedanken entstehen in der Regel nicht durch einen einzelnen Auslöser. Meist wirken verschiedene Belastungen zusammen. Dazu können psychische Erkrankungen, schwere körperliche Erkrankungen, Verlusterfahrungen, Einsamkeit, berufliche oder finanzielle Probleme, Konflikte sowie Alkohol- oder Substanzkonsum gehören.
Das Vorhandensein einzelner Risikofaktoren lässt jedoch keine sichere Vorhersage für einen bestimmten Menschen zu. Ebenso wenig gibt es ein eindeutiges Erscheinungsbild von Suizidalität. Manche Menschen sprechen offen über ihre Gedanken, andere deuten ihre Verzweiflung nur an oder lassen sich ihre Belastung kaum anmerken.
Suizidale Gedanken können zudem unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie reichen von dem Wunsch, nicht mehr aufwachen zu müssen, bis hin zu konkreten Vorstellungen oder Vorbereitungen. Nicht jeder Gedanke führt zu einer suizidalen Handlung. Dennoch sollte jede entsprechende Äußerung ernst genommen werden.

Seelische Not ist nicht immer sichtbar

Bestimmte Personengruppen nehmen professionelle Hilfe seltener in Anspruch. Dazu gehören beispielsweise viele Männer, ältere Menschen und Angehörige von Berufen, in denen Stärke, Belastbarkeit und Kontrolle einen besonders hohen Stellenwert haben.
Die Sorge, als schwach oder nicht belastbar zu gelten, kann dazu führen, dass Beschwerden verschwiegen werden. Auch ältere Menschen berichten nicht immer von Suizidgedanken. Äußerungen wie

„Ich möchte niemandem zur Last fallen.“

„Es lohnt sich alles nicht mehr."

„Ohne mich wären die anderen besser dran.“

sollten deshalb nicht vorschnell als beiläufige Bemerkungen, verständliche Alterserscheinung oder vorübergehende Stimmung abgetan werden. Sie können Ausdruck einer tiefen seelischen Krise sein.
Auch ein zunehmender sozialer Rückzug, starke Hoffnungslosigkeit, der Verlust von Interessen, auffällige Veränderungen im Verhalten oder ein verstärkter Alkohol- und Substanzkonsum können Anlass geben, behutsam nachzufragen. Solche Veränderungen sind allerdings keine Beweise für eine Suizidgefährdung. Entscheidend ist immer die individuelle Situation.

Darf man Suizidgedanken direkt ansprechen?

Viele Menschen befürchten, durch eine direkte Frage erst Suizidgedanken auszulösen. Diese Sorge ist unbegründet. Ein ruhiges und wertschätzendes Ansprechen kann vielmehr entlastend wirken und einen Raum öffnen, in dem die betroffene Person über ihre Not sprechen darf.
Eine Frage könnte beispielsweise lauten:
„Ich mache mir Sorgen um Sie. Haben Sie im Moment Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?“
Oder:
„Sie wirken sehr verzweifelt. Denken Sie manchmal daran, sich das Leben zu nehmen?“
Solche Fragen dürfen klar formuliert werden. Umschreibungen können zu Missverständnissen führen. Wichtig sind eine ruhige Haltung, echtes Zuhören und die Bereitschaft, auch eine belastende Antwort auszuhalten.


Was kann in einem Gespräch helfen?

Wer von Suizidgedanken erfährt, muss die Situation nicht allein lösen. Hilfreich kann es sein,
• aufmerksam und ohne vorschnelle Bewertung zuzuhören,
• die Verzweiflung ernst zu nehmen,
• ruhig und direkt nach Suizidgedanken zu fragen,
• keine Schuldgefühle oder moralischen Vorwürfe zu vermitteln,
• keine vorschnellen Lösungen oder Durchhalteparolen anzubieten,
• gemeinsam professionelle Unterstützung zu organisieren,
• bei akuter Gefahr die betroffene Person nicht allein zu lassen.
Sätze wie „Anderen geht es noch schlechter“, „Denken Sie doch an Ihre Familie“ oder „Das wird schon wieder“ können gut gemeint sein, führen aber häufig dazu, dass sich Betroffene noch weniger verstanden fühlen.
Hilfreicher ist beispielsweise:
„Danke, dass Sie mir davon erzählen.“
„Ich nehme Ihre Situation ernst.“
„Wir suchen jetzt gemeinsam nach Unterstützung.“


Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Verantwortung

Suizidprävention ist nicht allein Aufgabe psychiatrischer oder psychotherapeutischer Fachkräfte. Auch Angehörige, Freunde, Kolleginnen und Kollegen sowie aufmerksame Mitmenschen können dazu beitragen, dass seelische Not früher erkannt wird.
Dabei geht es nicht darum, die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen zu übernehmen. Es geht darum, nicht wegzusehen, ein Gespräch anzubieten und den Weg zu professioneller Hilfe zu unterstützen.
Ein einziges Gespräch löst nicht jede Krise. Es kann jedoch ein erster Schritt sein.

Hilfe in einer Krise

Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben oder sich um einen Menschen sorgen, bleiben Sie damit nicht allein.

Bei akuter Gefahr:

Wählen Sie den Notruf 112 oder wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik. Eine akut gefährdete Person sollte möglichst nicht allein bleiben.

TelefonSeelsorge – kostenfrei, anonym und rund um die Uhr erreichbar:
0800 111 0 111
0800 111 0 222
116 123

Onlineberatung: www.telefonseelsorge.de

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116117

Die 116117 unterstützt unter anderem bei der Suche nach ärztlicher oder psychotherapeutischer Hilfe. Bei unmittelbarer Gefahr ist der Notruf 112 zu wählen.

Weitere Informationen: www.116117.de


Quellen und weiterführende Informationen

Blades, C. A., Stritzke, W. G. K., Page, A. C. & Brown, J. D. (2018). The benefits and risks of asking research participants about suicide: A meta-analysis of the impact of exposure to suicide-related content. Clinical Psychology Review, 64, 1–12. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2018.07.001

Franklin, J. C., Ribeiro, J. D., Fox, K. R., Bentley, K. H., Kleiman, E. M., Huang, X., Musacchio, K. M., Jaroszewski, A. C., Chang, B. P. & Nock, M. K. (2017). Risk factors for suicidal thoughts and behaviors: A meta-analysis of 50 years of research. Psychological Bulletin, 143(2), 187–232. https://doi.org/10.1037/bul0000084

von Senarclens de Grancy, M. & Haug, R. (2020). Suizidalität am Arbeitsplatz: Prävention und Krisenintervention. Springer.

Wolfersdorf, M. & Etzersdorfer, E. (2023). Suizid und Suizidprävention: Ein Handbuch für die medizinische und psychosoziale Praxis (2., erweiterte und überarbeitete Auflage). Kohlhammer.

Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro):
www.suizidpraevention.de

TelefonSeelsorge Deutschland – Beratung und Informationen zur Suizidprävention: www.telefonseelsorge.de

Kassenärztliche Bundesvereinigung – Informationen zur psychotherapeutischen Versorgung und zum ärztlichen Bereitschaftsdienst:
www.116117.de